Elon Musk brauchte nur ein Wort für Europas lauteste Start-Up-Debatte der Woche. Er schrieb: „Wow." Auslöser war die Geschichte von Stripe-CEO Patrick Collison über einen deutschen Gründer, der eine Notargebühr von 30.000 EUR zahlen musste, um sich einen 90-seitigen Investitionsvertrag vollständig vorlesen zu lassen. Das deutsche Gesetz schrieb diese Sitzung vor.
Collison fragte den Gründer, ob die Horrorgeschichten über Bürokratie im deutschen Start-Up-Bereich übertrieben seien. Die Antwort lautete, sie seien eher untertrieben. Das erste Unternehmen des Gründers zahlte die Rechnung und verlor einen ganzen Tag. Sein zweites Unternehmen gründete er woanders.
Warum eine deutsche Notargebühr 30.000 EUR erreichen kann
Die Regel gibt es wirklich. Collisons Erlebnis bezieht sich auf § 13 des Beurkundungsgesetzes, dem deutschen Gesetz zur Beurkundung. Die Vorschrift verlangt, dass der Notar die gesamte Urkunde allen Anwesenden vollständig vorliest.
Met a German founder this week and asked him if all the stories one reads about the challenges of startups in Germany are exaggerated. "No, they're understated." Proceeded to describe spending a full day having a 90-page investment contract read to him (mandatory under German…
— Patrick Collison (@patrickc) August 29, 2026
Im Anschluss daran müssen die Beteiligten alles genehmigen und eigenhändig unterschreiben. Besonders Start-Up-Finanzierungsrunden sind betroffen, da eine GmbH in Deutschland ohne notarielle Urkunde keine Anteile übertragen oder Kapital aufnehmen kann.
Den Preis legt der Staat fest, nicht der Notar. Ein weiteres Gesetz, das GNotKG, koppelt die Gebühr an den Wert des Geschäfts. Je größer die Finanzierungsrunde, desto höher die Gebühr. Die Dauer des Vorlesens spielt keine Rolle.
Ein Gericht hat diese Berechnung bereits bestätigt. Der Venture-Anwalt Wolfgang Weitnauer berichtete über eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Karlsruhe zu einer deutschen Finanzierungsrunde.
Investoren zahlten etwa 7 Millionen EUR in ein Unternehmen, das vor der Runde mit 21 Millionen EUR bewertet wurde. Ausstiegsklauseln im Vertrag zählten ebenfalls zum Wert der Urkunde.
Der Notar bewertete die Transaktion daher mit rund 35 Millionen EUR. Allein das Vorlesen kostete 63.110,85 EUR. Die gesamte Notarrechnung betrug etwa 100.000 EUR. Das Gericht bestätigte jeden einzelnen Euro.
Krypto-Gründer kennen dieses Muster vielleicht, denn Deutschland führt die EU bei Lizenzen im Rahmen von Markets in Crypto-Assets (MiCA) an.
Trotzdem verlassen Krypto-Start-Ups Deutschland für günstigere Standorte. Kleine Unternehmen beklagen, dass die MiCA-bezogenen Kosten den Nutzen des EU-Binnenmarkts übersteigen.
Gründer kritisieren weiter, während Brüssel eine Alternative vorbereitet
Musks Reaktion war zwar die kürzeste, aber am meisten gehört. Doch den deutlichsten Gegensatz äußerten Investoren. Y Combinator-Mitgründer Paul Graham antwortete, dass Investoren in den USA auf Basis des standardisierten SAFE-Papiers der Startup-Schmiede abschließen, nachdem sie nur die Namen und Zahlen geprüft haben.
Whereas in the US we can safely invest on a safe sent via the YC system without even looking at any part except the names and numbers, because we know the text will be the identical standard text.
— Paul Graham (@paulg) August 29, 2026
Kein öffentliches Vorlesen, keine gesetzlich vorgeschriebene Gebühr.
„Unser (Lieferando-)Vertrag war sogar noch länger, und das Vorlesen ging die ganze Nacht, auf Deutsch, wohlgemerkt. Ich schätze, es hat mindestens 200.000 EUR gekostet. Der Notar hörte sogar auf vorzulesen, wenn ich zur Toilette ging. Es war trotzdem unterhaltsam", ergänzte Just Eat Takeaway-Gründer Jitse Groen.
Seine Zahl ist eine Schätzung, keine geprüfte Rechnung.
Auch andere Länder sind betroffen. Ein italienischer Gründer, Stefano, berichtete von einer Finanzierungsrunde, die fast scheiterte, weil sich italienische und belgische Notare über eine übersetzte Vollmacht widersprachen. Das kostete 21.000 EUR und verpflichtete alle zur Unterschrift vor Ort.
Sharing our own horror story:
— Stefano (@nerder_) August 29, 2026
In December we’ve closed our Seed round with a UK lead investor. Since our company was incorporated in Italy and participated by a Belgium fund we had to translate a PoA in 3 languages and almost lost the deal because the Italian and Belgium notary…
Dennoch arbeitet Brüssel bereits an einer Lösung. Im März schlug die Europäische Kommission die EU Inc. vor, eine europaweite Rechtsform, die eine vollständig digitale Gründung innerhalb von 48 Stunden ermöglichen soll.
Besonders ein Punkt ist umstritten. Artikel 14 des Entwurfs verlangt, dass die Gesellschaftsverträge eine präventive Kontrolle durch Verwaltung, Gericht oder Notar durchlaufen. Kritiker sehen das Wort „Notar" als Schlupfloch, durch das die Notarlobby zurückkehren könnte.
Collison bleibt nicht bei Debatten im Internet. Fünf Tage zuvor gründete er mit dem früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi die Rhine Group.
An announcement: Under the leadership of Mario Draghi and @patrickc we have set up the Rhine Group: policymakers, economists, entrepreneurs and business people pushing European reforms and the Draghi agenda. https://t.co/ZtoW7Rb173
— Luis Garicano 🇪🇺🇺🇦 (@lugaricano) August 24, 2026
Das 55-köpfige Forum will Draghis Wettbewerbsbericht von 2024 in Reformen umsetzen. Das erste Treffen findet Ende September statt.
Ob das notarielle Kontrollrecht nach den EU Inc.-Verhandlungen bestehen bleibt, wird zeigen, ob die nächste Rechtsform für Unternehmen in Europa das Vorlese-Ritual abschafft oder es einfach neu benennt.
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https://www.youtube.com/watch?v=hhzdf01iu_4Lesen Sie die Originalgeschichte 30.000 EUR für das Vorlesen eines Vertrags: Deutsche Notargebühr sorgt nach Musks „Wow“ für Aufsehen von Lockridge Okoth auf de.beincrypto.com